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Unwort des Jahres

Das Unwort des Jahres – von 1991 bis heute.

erstellt am von  in Wortwissen

Von Stefanie Holke, Anja Goritzka und Dominik Wachsmann

Seit 1991 wählt eine Jury bestehend aus Sprachwissenschaftlern und Medienvertretern alljährlich im Rahmen der „Sprachkritischen Aktion: Unwort des Jahres“ das unangemessenste Wort im deutschen Sprachraum. Seit 1994 ist diese kritische Auseinandersetzung mit dem Gebrauch der deutschen Sprache institutionell von der Gesellschaft für deutsche Sprache, die übrigens das Wort des Jahres wählt, unabhängig.

Wahl des Unwort des Jahres soll sensibilisieren

Aus zahlreichen Einsendungen wählen die Jurymitglieder der „Sprachkritischen Aktion“ das Unwort des Jahres. Laut ihnen soll durch die Wahl zum Unwort des Jahres, der deutschsprachige Bürger auf diskriminierende, euphemistische und sonstige Begrifflichkeiten, die gegen die Prinzipien der Menschenrechte und der Demokratie verstoßen, aufmerksam gemacht und somit in seiner Wortwahl sensibilisiert werden. Im Folgenden findet ihr eine kommentierte Auflistung aller bisherigen Unwörter des Jahres.

Erfahrt im Folgenden mehr über die Unwörter der vergangenen Jahre, wie die Jury dieses Unwort wählt und auch welche Kritik an dieser Wahl geübt wird.

Unwort des Jahres 2016:

Volksverräter

Eine aus undifferenziert operierender rechter Kleinhirnhälfte geschossene Diffamierung und Kriminalisierung von Politikern und laut Jury-Mitglied Frau Professor Nina Janich ein „typisches Erbe von Diktaturen“. Ein gefährliches Schlagwort welches die zunehmende Spaltung des Volkskörpers sichtbar macht.

Unwort des Jahres 2015:

Gutmensch

Das Wort Gutmensch steht seit 2000 im Duden. Laut diesem ist ein Gutmensch ein „[naiver] Mensch, der sich in einer als unkritisch, übertrieben, nervtötend o. ä. empfundenen Weise im Sinne der Political Correctness verhält, sich für die Political Correctness einsetzt.“

Heute diffamiert der Begriff ehrenamtliches Engagement als naiv und weltfremd. In der Presseerklärung der Jury heißt es: „Die Verwendung dieses Ausdrucks verhindert (…) einen demokratischen Austausch von Sachargumenten.“

Das Unwort des Jahres in der 2. Dekade

2014 Lügenpresse
Polemischer Begriff aus dem frühen 19. Jahrhundert, wurde in der NS-Zeit auch von Joseph Goebbels zur Bezeichnung der ausländischen Presse verwendet. Anhänger des 2014 von nicht mehr wütenden aber patriotisch besorgten europäisch-islamophobischen BürgerInnen gegründeten Vereins verwendeten den Begriff – nach Ansicht der Jury historisch unreflektiert – zur Pauschaldiffamierung der deutschen Medien, insbesondere den öffentlich-rechtlichen. Lügenpresse setzte sich als Unwort des Jahres 2014 gegen den Folter-Euphemismus „erweiterte Verhörmethoden“ durch.

2013 Sozialtourismus
Das Wort deutet die Jury als Stimmungsmache der Politik gegen eine zunehmende Einwanderung. Es suggeriere einen erholsamen Urlaub in deutsche Sozialsysteme und diskriminiere “ […] Menschen, die aus purer Not in Deutschland eine bessere Zukunft suchen, und verschleiert ihr prinzipielles Recht dazu.“

2012 Opfer-Abo
Diffamierende Annahme, dass Anklägerinnen in Gerichtsverfahren um sexuelle Gewalt einen allgemeinen Vorteil hätten.

2011 Döner-Morde
Herabwürdigende Boulevard-Bezeichnung welche im Rahmen der Prozesse um die NSU-Mordserie an türkisch- und griechisch-stämmigen Personen in Deutschland aufkam.

Das Unwort des Jahres im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends

2010 alternativlos
Politisches Schlagwort mit der Bedeutung, keine Alternative zuzulassen. Die wahllose Verwendung des Begriffes wurde von der Jury als Wind in die Mühlen der Politikverdrossenheit gesehen.

2009 betriebsratsverseucht
Begriff zur Umschreibung von Vertretern der Arbeitnehmerinteressen, von der Jury als „ein sprachlicher Tiefpunkt im Umgang [der Arbeitgeber] mit Lohnabhängigen [Arbeitnehmern]“ bezeichnet.

2008 notleidende Banken
Stillblüte, welche die Hauptverursacher der Weltwirtschaftskrise, die Banken, als Opfer darstellte und somit das Verhältnis von Ursache und Wirkung unangemessen neuinterpretierte.

2007 Herdprämie
Altchauvinistischer Begriff für die staatlichen Förderungen von Eltern, welche die Kindererziehung von zu Hause aus tätigen wollten. Sprachlich in die Nähe der Abwrackprämie gerückt offenbarte sich in diesem Begriff die (geschlechts-)konservative Geisteshaltung der Kritiker des Elterngeldes.

2006 freiwillige Ausreise
Dieser hochgeistige Zynismus in der Tradition des sozialverträglichen Frühablebens bezeichnete die erhöhte Bereitschaft von Asylbewerbern zur Rückreise in ihr jeweiliges Herkunftsland, nachdem diese von ihrer sicheren Abschiebung erfuhren.

2005 Entlassungsproduktivität
Zynische Umschreibung einer steigenden Gewinnspanne und Arbeitsproduktivität aufgrund von Entlassungen – sinngemäß: „Mehr Arbeit für weniger Leute? Das nennen wir Vollbeschäftigung!“

In Falladas Roman „Kleiner Mann, was nun?“ stoßen wir auf ein ähnliches Konzept, welches 2005 in seinem Ansatz offenbar pervertiert wurde. Auf die Frage, wie im Betrieb Einsparungen vorzunehmen wären, antwortet dort der Angestellte Heilbutt: „Ich schlage die Entlassung aller Angestellten, die mehr als vierhundert Mark verdienen, vor.“

2004 Humankapital
Definition in einer EU-Erklärung, welche die Fähigkeiten, Fertigkeiten und das Wissen einer Personengruppe als quasi-monetären Wert umschreibt.

2003 Tätervolk
Einem Volk wird eine generelle Kollektivschuld und somit die Verantwortung von Verbrechen einzelner Gruppen unterstellt.

2002 Ich-AG
Lehnwort aus dem Bereich der Börse zur Umschreibung eines Unternehmens, das von einem Arbeitslosen gegründet wurde und deren einziger Angestellter er selbst ist. Die Jury befand die Gleichsetzung eines Individuums mit dem Wertpapier seiner eigenen Aktiengesellschaft (AG) als sozialpolitisch unangemessen.

2001 Gotteskrieger
Der Begriff des Gotteskriegers erhielt durch die Ereignisse um 9/11 eine quasi Gleichsetzung mit islamistisch motiviertem Terrorismus durch Al-Qaida und Taliban . In der öffentlichen Wahrnehmung festigte sich das Bild vom gewaltbereiten Islamisten. Die Jury wählte diesen pejorativen Begriff aufgrund seines distanzierten, pseudoreligiösen und nicht zuletzt euphemistischen Gehalts zum Unwort des Schicksalsjahres 2001.

Das Unwort des Jahres zum Milleniumswechsel

2000 national befreite Zone
1991 erstmalig verwendete Formulierung aus dem rechtsnationalistischen Jargon zur Beschreibung eines Gebietes, welches durch konkret ausgeübten Terror aus eben diesen Gesinnungskreisen „ausländerfrei“ gemacht wurde.

Unwort des Jahres – in den 90ern

1999 Kollateralschaden
Von der NATO offiziell genutzte Umschreibung der in Kauf genommenen Tötung Unschuldiger während des Kosovo-Krieges.

1998 sozialverträgliches Frühableben
Umschreibt die möglichen finanziellen Einsparungen einer Gesellschaft, im Falle eines frühzeitigen Todes eines Gesellschaftsmitgliedes.

1997 Wohlstandsmüll
Der damalige Verwaltungsratspräsident der Firma Nestlé, Helmut Maucher, unterschied mit diesem Begriff zwischen seines Erachtens eskapistischen Arbeitslosen und Leuten, die wirklich arbeiten wollen. Aus dem Mund eines Repräsentanten der Firma, die heutzutage eine Wasser-zu-Gold-Firmenpolitik betreibt, mutet dieser Begriff ethisch fragwürdig an.

1996 Rentnerschwemme
Eine aus Hysterie um die vermeintliche Überalterung der Gesellschaft geborene sprachliche „Entgreisung“.

1995 Diätenanpassung
Beschönigende Beschreibung der Gehaltsanpassungen von Mitarbeitern des Bundestags nach oben.

1994 Peanuts
Bezeichnung aus dem Bankenwesen, das die Größe von Geldsummen mit der von Erdnüssen vergleicht. Verbunden ist das Wort mit der Insolvenz des Immobillien-Unternehmers Schneider, der zahlreiche Handwerker auf ihren Rechnungen sitzen ließ und diese somit auch in die Insolvenz trieb.

1993 Überfremdung
Begriff zur Umschreibung eines rassistischen Scheinarguments gegen einen Zuzug von Ausländern.

1992 ethnische Säuberung
Beschönigender Ausdruck von Vertreibungen, Morden und anderen Verbrechen während des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien.

1991 ausländerfrei
Fremdenfeindliche Parole während den rassistischen Ausschreitungen in Hoyerswerder 17.09.-23.09.1991.

Die Qual bei der Wahl des Unwortes des Jahres

Zur Auswahl stehen der Jury alle im öffentlichen Sprachgebrauch auftretenden Begriffe, die laut dieser „gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen.“ Unwesentlich für die Wahl zum Unwort des Jahres, ist die Häufigkeit des Wortes im öffentlichen Sprachgebrauch, wie in journalistischen Medien oder Reden. Relevant sollen hingegen seine Aktualität und der Beleg seiner öffentlichen Äußerung sein.

Kritik am Unwort des Jahres

Die Wahl um das Unwort des Jahres trifft nicht nur auf positive Resonanz. Der Grund dafür ist die Toleranz der Jury gegenüber der relativen Häufigkeit eines Unwortes in öffentlichen Medien und Diskussionen. Einige Unwörter wurden nahezu gar nicht in öffentlichen Medien genutzt. So wurde beispielsweise das Unwort des Jahres 2005, die Entlassungsproduktivität, im entsprechenden Jahr nur fünfmal in der überregionalen Presse verwendet. Zudem wurden laut dem Informationsdienst Wissenschaft (IDW) die Unwörter Humankapital und Ich-AG von der Jury falsch interpretiert und somit zu Unrecht als solche betitelt. Auch die FAZ rügte im Januar 2013, die Jury würde durch Neuinterpretationen Unwörter kreieren anstatt sie zu küren.

Was ist eure Meinung zum Unwort des Jahres? Habt ihr einen bestimmten Vorschlag zum Unwort des Jahres und für welches Jahr? Hinterlasst einen Kommentar – direkt unter diesen Artikel oder schreibt uns auf facebook.

Bildquellen

  • unwort-des-jahres: Bildrechte bei der webgilde GmbH

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