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Unwort des Jahres 2017

Unwort des Jahres 2017 – Alternative Fakten

erstellt am von  in Wortkolumne

Das Unwort des Jahres 2017 lautet „Alternative Fakten“. Man könnte es auch mit „unkonventionelle Realität“ übersetzen, was rein marketingtechnisch sicher der schmissigere Name gewesen wäre.

Hier gelangt Ihr zur Übersicht über das Unwort des Jahres seit 1991.

Alternative Fakten? Endlich mal was Ehrliches!

Eine mögliche Definition könnte sich folgendermaßen anhören:

Alternative Fakten sind eine ausgedachte Wahrheit, welche entweder auf

a) subjektiver Überzeugung und/oder

b) grober, womöglich vorsätzlicher Verkennung (mindestens) einer Sachlage

basiert und welche nun in Form einer Behauptung in den öffentlichen Raum gestellt wird. Sofern seitens des öffentlichen Raumes inhaltliche Zweifel an der Behauptung vorgebracht werden, so ist die einzig logische Konsequenz die vollständige Diskreditierung des Raumes selbst, zum Beispiel als „Lügenpresse“ oder Verbreiter von „Fake News“.

Vereinfacht ausgedrückt: „Es ist nicht gelogen, wenn DU es glaubst“ (George Costanza, Seinfeld, Episode 102: „Die Tarnung“). Eben diese Tarnung, beziehungsweise Verschleierung von Falschaussagen im öffentlichen Sprachgebrauch, besonders in den sozialen Medien – also dort, wo Sprache mitunter als Solche gar nicht mehr zu erkennen ist – war neben der ansteigenden Tendenz Informationen aus dem Internet pauschal für bare Münze zu nehmen der Grund, weshalb die Wahl zum Unwort des Jahres 2017 auf „Alternative Fakten“ fiel.

Unwort des Jahres 2017
Bild 1: Der Präsident (links) äußerte sich 2004 zum alternativen Ende des 2. Tschetschenienkriegs (1999-2009)

Es knüpft damit inhaltlich an das Wort des Jahres 2016 an, welches „postfaktisch“ lautete. Zur Erinnerung:

Postfaktisches Handeln bedeutet, eine emotionale, also gefühlte Wahrheit einer empirischen, also durch Untersuchungen belegten Wahrheit vorzuziehen.

Das heißt, wenn sich eine Gruppe von Menschen lange genug der gleichen Einbildung hingibt, zum Beispiel „Nestlé und Apple sind humanitäre Organisationen!“ oder „in Impfstoffen ist Quecksilber drin!“, dann konvertiert die autogene Massenpsychose irgendwann zur vorherrschenden öffentlichen Meinung. Die „Gruppe“ wird nun zur „Glaubensgemeinschaft“ und empfindet natürlich all jene, die sich noch auf „rationale“ Fakten berufen, als gefühllos und setzt sich möglichst laut und unsachlich zur Wehr.

Schönreden 2.0

Eine beliebte Methode, Andersgläubige mundtot zu machen ist seit jeher, diese zur Minderheit zu erklären. Das funktioniert verblüffend einfach:

postfatisches Brauchtum
Bild 2: Quelle: „Postfaktisches Brauchtum – eine kurze Geschichte der institutionellen Verlogenheit“, Zeitlosverlag

Das hat durchaus Tradition. So konnte es zum Beispiel geschehen, dass viele Männer Jahrtausendelang postfaktisch ein „Ja“ hörten, obwohl die Frau faktisch „Nein“ sagte. So manche Universität bildet heute postfaktisch Lehrer aus, genauso, wie Autos faktisch den Verkehr regeln. So wird faktisch von allen Schülern die gleiche Leistung verlangt, während Politiker postfaktisch von Chancengleichheit reden. Demokratie funktioniert postfaktisch für alle, die faktisch zur Mehrheit gehören. Vor dem Gericht sind alle gleich, die Würde des Menschen ist unantastbar, eine Zensur findet nicht statt – Näheres regelt faktisch ein Gesetz, etcetera. Doch wie konnte es überhaupt soweit kommen?

Alternative Fakten – Bauchgefühlte Wahrheit

Mark Twain hat einmal gesagt, dass „wer immer bei der Wahrheit bleibt, der braucht sich nichts zu merken“. Im Umkehrschluss bedeutet das, wer lügt, der darf nichts vergessen. Und das kann auf die Dauer sehr anstrengend sein. Wer jemals der Lüge überführt wurde, weil im entscheidenden Moment die rechte Geistesgegenwart abhanden kam, weiß, wie unangenehm das werden kann, besonders wenn die belogene Seite nun unwiderruflich realisiert, dass der Göttergatte noch eine peruanische Nebenfamilie hat.

Hemingway
Bild 3: Wer betrunken schreibt, der bleibt! (Vollweisheit)

Wir erinnern uns: Ein exzentrisch frisierter älterer Herr hatte sich in den USA in ein bedeutendes öffentliches Amt wählen und bei Antritt desselben verkünden lassen, dass er bei dieser seiner Kundgebung mehr Zuschauer gehabt hätte, als alle anderen vor ihm. Tatsache war jedoch, dass es sich dabei um Durchgangspublikum handelte, welches irrtümlich mitgezählt wurde. Als man sich der demografischen Dyskalkulie gewahr wurde, hatte sich der Shitstorm bereits zusammengebraut und es regnete, unter anderem, Hähme und Spott, worauf sich eine Pflegerin des älteren Herrn zu der Bemerkung hinreißen ließ, seine Sicht der Dinge entspräche durchaus der Wirklichkeit – nur eben einer subjektiv anderen.

„(…) machen uns die Welt, widdewidde wie sie uns gefällt!“ (W. Shakespeare)

Alternative Fakten gibt es aber nicht erst seit 2017. Schon in den 80ern bewarb die Firma Danone seine Fruchtzwerge mit der Behauptung, sie seien „wertvoll, wie ein kleines Steak“. Heute wissen wir, dass die Produktion eines Rindersteaks soviel CO2 verursacht wie eine Autofahrt über 80 km. Gemeint war auch damals lediglich der Brennwert. Heute finden sich sowohl reguläre 5er Packungen als auch 4+1 Gratis-Packungen ein- und desselben Schokoriegels im Regal. Und wenn die Partei sagt, dass auch Letztere eine 5er Packung ist, dann sind in der ersten Packung… wieviele?

Die Realität schert sich einen kosmischen Kehricht darum, ob und wie wir Menschen sie erkennen. Genausowenig, wie wir vollkommene Stille als „alternative NoiseCore“ oder den Tod als „alternative Living“ bezeichnen können, ist es möglich irgendetwas, was bereits stattgefunden hat, nachträglich zu ändern.

Es steht letztlich jedem frei, ob und wie er sich seine persönlichen Lebensumstände schönredet. Das Flat-Earth-Movement kann den Rest der globalisierten Welt als alternativ Horizontal bezeichnen, es hat den gleichen Effekt, wenn eine langanhaltende Dürreperiode zur alternativen Überschwemmung wird. Ungerecht erscheint hierbei bloß, dass es vor wenigen Jahrhunderten noch brandgefährlich war, beispielsweise zu behaupten die Erde sei NICHT flach, wohingegen heute jeder Depp ungestraft sagen darf, das Einführen diverser Gemüsesorten in bestimmte Körperöffnungen beuge Krankheiten vor. Altbundesrat Kenobi hat es vor langer Zeit in einer weit entfernten Galaxis auf den Punkt gebracht als er sagte, „dass viele der Wahrheiten an die wir uns klammern von unserem persönlichen Standpunkt abhängig sind.“ Auf unsere Lebenswirklichkeit trifft indes immer mehr der folgende Satz zu:

Alternative Fakten Aristoteles
Bild 4: Quelle: „Der Sonne Mittelstrahl“, Internet

Bildquellen
Titelbild: via getstencil, Bildrechte bei der webgilde GmbH.
Bild 1,2,3,4: via getstencil, Bildrechte bei der webgilde GmbH.

Dominik Wachsmann

Dominik Wachsmann

Der Autor ist tot...und ich bin der lebende Beweis dafür. Mein Motto: "Der Dativ ist des Objektes Stativ."