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Gnudung - Ein Palindrom zum Ausrutschen

Das Palindrom im Alltag und der Poesie

erstellt am von  in Wortwissen

„Mama, wenn ein Junge Otto heißt, hat er in der Schule keine Probleme seinen Namen rückwärts zu schreiben, denn der bleibt ja Otto“, so mein achtjähriger Sohn letztens am Abendbrottisch. Er hat für sich ein Palindrom entdeckt, ein Wort also, was von links und von rechts lesbar, immer identisch ist.

 

Palindrome im Alltag entdecken

Beim genaueren Hinsehen in unserem Alltag können wir noch andere derartige Wörter entdecken. Gerade bei Namen fielen meinem Sohn gleich mal noch „Anna“ und auch „Hannah“ ein. Auch Wörter wie Reittier und Regallager ergeben je ein Palindrom, welches von vorne nach hinten sowie von hinten nach vorne aus den gleichen Zeichen besteht und somit egal, wie rum es gelesen wird, die gleiche Bedeutung hat.

Anders sieht es da zum Beispiel bei dem Wort Leben (Nebel) und Gras (Sarg) aus. Diese gelten durchaus als Palindrom, haben jedoch andersherum gelesen eine ganz andere Bedeutung und bestehen von rechts nach links gelesen aus einer anderen Zeichenfolge.

Ebenso Sätze und Wortreihen können Palindrome ergeben, einen Sinn müssen sie jedoch nicht haben, wie der seit Jahrhunderten bekannte und heute wegen dem Begriff „Neger“ umstrittene Satz „Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie“ zeigt. Doch was für einen schönen Ausruf ergibt „O Genie, der Herr ehre Dein Ego!“, welches ebenfalls ein Palindrom darstellt?! Weitere Palindrom-Sätze sind hier zu finden.

 

Das Palindrom in der Poesie

Auch Dichter und bildende Künstler beschäftigen sich immer wieder mit dem Sprachphänomen, welches seit dem Mittelalter bekannt ist und in der Poesie heute „Krebsgedicht“ genannt wird.

Als Meister in der Bildung von ganzen Palindrom-Gedichten in unserer Zeit gilt der Schweizer Autor, Musiker und Maler Anton Bruhin, der innerhalb von elf Jahren Verse verfasste und diese 2003 im Band „Spiegelgedichte“ veröffentlichte. „Betone Note B.“ oder „Hermelin-Estimiererei mit senilem Reh“ sind einfache Palindrome, die Bruhin seinem Buch voranstellt, bevor er immer weiter in die Dichtkunst eintaucht, Vierzeiler und ein ganzes Singspiel aufzeigt. Von einer enormen Leistung zeugt vor allem seine Kaskade „Reihe (…) hier“, in dem er zwischen den Palindromteilen Zwischenstücke einfügt und diese Kaskade über 500 Seiten weit bis zu dem Satz „Reihere Iberer hemdlos Mitte Bett im Sold mehrere Biere hier“ treibt.

 

Latein als Palindrom-Sprache

Die Krux an den Palindromen in längerer Form ist jedoch die deutsche Sprache selber, welche mit der ihr eigenen Konsonantenfülle und langen Worten die Bildung dieser erschwert. Einfacher ist die Formulierung von Palindromen daher in anderen Sprachen wie Französisch oder dem guten alten Latein. Hier können einzelne Verben und auch ganze Sätze als Palindrom genutzt werden, wie sucus, summus, esse oder auch „ius sui“ („Das Recht auf sich selbst“) und „Mane tace rixe, si vis exire catenam“ (Bleib standhaft, schweige und kämpfe, wenn du der Kette entkommen willst.). Die wohl bekannteste lateinische Inschrift ist „SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS“, welche unter anderem von Forschern bei Ausgrabungen in Pompeij gefunden wurde. Sie ist auch die geheimnisvollste, denn wenn die Wörter untereinander stehen und ein Quadrat ergeben, kann sie aus allen Richtungen gelesen werden:

 

Magisches Palindrom-Quadrat
Magisches Palindrom-Quadrat

 

Schwierigkeiten bereitet hierbei das Wort „Arepo“, denn dieses gibt es nicht. So wird es von manchen auch als „Nichtwort“ bezeichnet. Eine andere Interpretation legt es jedoch nahe, die erste „Arepo“-Zeile und die letzte Zeile von rechts nach links zu lesen, was den Satz „Sator opera tenet – tenet opera sator“ ergebe. Dies bedeute so viel wie „Der Sämann hält die Werke – es hält die Werke der Sämann“, wobei „Sämann“ für den christlichen Schöpfergott steht. Dem Vierfach-Palindrom wurden im Mittelalter magische Eigenschaften zugesprochen und somit wurde es weit über das Abendland verbreitet.

 

Auch wenn heute klar ist, dass an dem Vierfach-Palindrom nichts Magisches dran ist, fasziniert das Sprachphänomen Palindrom noch heute, sowohl in Latein als auch in der deutschen Sprache, vielleicht gerade dadurch, dass die Lesbarkeit bestehen bleibt.

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