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Unwort des Jahres 2013: Sozialtourismus

Unwort des Jahres 2013

erstellt am von  in Wortwissen

GroKo, Babo, Sozialtourismus – sie alle haben eines gemeinsam, sie gehören zu den großen Auserwählten des Jahres 2013. Während die Gesellschaft für deutsche Sprache im Dezember die GroKo – die Große Koalition – zum Wort des Jahres wählte und Babo von der Initiative der Langenscheidt GmbH als Jugendwort des Jahres erkoren wurde, hat sich die unabhängige Jury der Aktion „Unwort des Jahres“ Anfang Januar nun für eben dieses entschieden.

Die Jury vom Unwort des Jahres

Seit 1991 wird das Unwort des Jahres von einer sechsköpfigen Jury gewählt, bestehend aus vier Sprachwissenschaftlern, einem Journalisten und einem jährlich wechselnden Mitglied aus dem Kreis der Medien- und Kulturschaffenden. Die von Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser ins Leben gerufene Jury sammelt über das ganze Jahr die von der sprachinteressierten Bevölkerung eingereichten Wortvorschläge. Dabei kann jede Person der Jury über die Adresse vorschlaege(at)unwortdesjahres.net seine Vorschläge samt Quellenangabe und kurzer Begründung zuschicken.

Die Kür zum Unwort des Jahres

Für das Jahr 2013 erhielten die sechs Juroren 1340 Vorschläge, die 746 verschiedene Wörter enthielten. Nachdem die Mitglieder das ganze Jahr über die Einsendungen informiert wurden, erstellt jeder einzelne von ihnen eine Woche vor der Sitzung eine Liste mit drei bis fünf Favoriten. Diese engere Liste wird dann auf der Sitzung en Detail durchgegangen und diskutiert, bis sich die Gruppe für ein finales Wort entschieden hat.

Sozialtourismus als Unwort des Jahres gewählt

Aber erst einmal zurück zum Unwort des Jahres. Am 14. Januar gab die Vorsitzende Prof. Dr. Nina Janich in der Pressemitteilung die Begründung bekannt, warum sich die Jury für das Wort Sozialtourismus entschieden hat. Ausschlaggebend war, dass das Unwort „gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer insbesondere aus Osteuropa“ mache. Weiterhin heißt es:

„Das Grundwort „Tourismus“ suggeriert in Verdrehung der offenkundigen Tatsachen eine dem Vergnügen und der Erholung dienende Reisetätigkeit. Das Bestimmungswort „Sozial“ reduziert die damit gemeinte Zuwanderung auf das Ziel, vom deutschen Sozialsystem zu profitieren. Dies diskriminiert Menschen, die aus purer Not in Deutschland eine bessere Zukunft suchen, und verschleiert ihr prinzipielles Recht hierzu.“
Prof. Jürgen Schiewe
Prof. Jürgen Schiewe

Prof. Dr. Jürgen Schiewe, Lehrstuhlinhaber für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Greifswald und seit drei Jahren Mitglied der Jury, erklärt uns, dass die Wörter aus der finalen Auswahl allgemein in den Komplex der Migration einzuordnen sind. Neben Sozialtourismus standen auch die Wörter Armutszuwanderung und Freizügigkeitsmissbrauch zum Schluss in der Diskussion. Aber auch Supergrundrecht, umstrittene Verhörmethode, Homo-Ehe  und Entartete Demokratie waren auf der engeren Liste im Gespräch.

 „Inhumaner Sprachgebrauch“ als wichtiges Kriterium

Die Jury, die sich als „sprachkritische Aktion“ versteht und mit ihrer Arbeit „das Sprachbewusstsein […] in der Bevölkerung fördern“ möchte, geht bei der Auswahl zum Unwort des Jahres nach bestimmten Kriterien vor, die auf der Homepage als Grundsätze verankert sind. Prof. Schiewe, der seinen Forschungsschwerpunkt u.a. im Bereich der Sprachkritik und Sprachgeschichte hat, betont, dass „die Aktualität immer ein wichtiger Grund für die Auswahl ist, besonders da das Wort eben zum Schluss des Jahres noch sehr gebräuchlich war.“ Zudem „entspricht es deutlich den Kriterien zum Unwort des Jahres“, so Schiewe, „insbesondere der inhumane Sprachgebrauch“ sei ausschlaggebend.

Der Begriff Sozialtourismus war in den letzten Monaten in öffentlichen Debatten sehr präsent. Das Unwort unterstelle dabei auf undifferenzierte Weise Zuwanderern, die aus der Not heraus aus ihrer Heimat fliehen mussten, eine „böswillige Absicht.“ Auch die Unwörter der letzten Jahre – Opfer-Abo (2012) und Döner-Morde (2011) –  waren deutlich geprägt von einem inhumanen Sprachgebrauch in der Öffentlichkeit. Mit der Wahl des Unwortes will die Jury die Bürgerinnen auf derartige Missstände aufmerksam machen und für die Sprache sensibilisieren.

Das persönliche Unwort des Jahres

Die Kategorie vom persönlichen Unwort wurde dieses Jahr erstmalig eingeführt. Dieses wird künftig vonseiten des jeweiligen Gast-Mitgliedes ernannt. Der Schriftsteller Ingo Schulze, der 2008 mitunter für den Deutschen Buchpreis nominiert war, entschied sich dabei für das Begriffspaar Arbeitnehmer/Arbeitgeber und begründete dies in der dem Wort implizierten Abwertung der Arbeitsleistung. In seiner Erklärung schreibt Schulze:

 

„Wer die Arbeit leistet, gibt, verkauft, wird zum Arbeitnehmer degradiert – wer sie nimmt, bezahlt und von ihr profitiert, zum Arbeitgeber erhoben. […]

Diese sprachliche Perspektivierung, die für eine bestimmte Denkhaltung steht (z. B. dass es ohne Arbeitgeber keine Arbeit gebe) und diese als die gültige zementiert, wurde schon von Friedrich Engels und Karl Marx kritisiert.“

 

Das persönliche Unwort des Jahres geht damit zwar weniger auf ein aktuell öffentlich diskutiertes Thema ein, orientiert sich aber auch an dem Kriterium eines inhumanen Wortgebrauchs und will damit auf sprachliche Missstände hinweisen. Ingo Schulze gab bereits in einem 2010 veröffentlichten Eintrag in Form eines Platon’schen Streitgesprächs eine Annäherung an das Begriffspaar.

Wenn ihr nun im Laufe des Jahres Wörter aufgreift, die für euch ein Unwort darstellen, schickt diese an die Initiative für das Unwort des Jahres an die oben genannte Adresse. Und sollten euch aus dem vergangenen Jahr noch ein paar Vorschläge auf der Zunge brennen, lasst es uns in den Kommentaren wissen.

 

Bildquellen

  • Prof. Jürgen Schiewe: (c) Jürgen Schiewe - privat
  • Unwort des Jahres 2013: Bildrechte bei der 1337 UGC GmbH