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Scrabble in Polen Interview

Scrabble in Polen: Gespräch mit Tomasz Lempart

erstellt am von  in Wortspiele

An der deutschen Scrabble-Meisterschaft in 2019 nahm mit Tomasz Lempart zum ersten Mal ein Spieler aus Polen teil. Tomasz gewann auf Anhieb neun von 20 Runden und fiel durch seine taktisch gute Spielweise auf. Johannes Naumann interviewte Tomasz für wort-suchen.de über Scrabble in Polen. Für einige Antworten und unseren Beitrag über Unterschiede zum Brett und den Buchstaben bei Scrabble in Polen hat Tomasz die polnischen Meister Bartosz Morawski und Dariusz Kosz befragt.

Hallo Tomasz, kannst du dich kurz vorstellen?

Tomasz: Ich bin 43 und wohne in Krakau. Ich arbeite in der Druckerei Walstead Central Europe, in der Kundenservice-Abteilung. Unsere Kunden sind europäische Verlage und wir drucken unter anderem für den deutschen und österreichischen Markt viele Zeitungen, Magazine und Kataloge, zum Beispiel Reader’s Digest, Piranha Media, Blue Ocean, Jahreszeitenverlag, Red Bull Media und viele viele andere die Du in Euren Kiosken finden kannst.

scrabble in krakauTomasz bei einem Turnier in Krakau mit Ben Berger (von rechts nach links).
 

Wie hast Du Deutsch gelernt?

Tomasz: Ich lerne Deutsch seit 1991. Das waren die Zeiten, wo der Zugang zu Fremdsprachenbüchern und auch die Lernmöglichkeiten von anderen Sprachen in den Schulen sehr begrenzt waren. In der Grundschule habe ich nur russisch gelernt. Kurz vor der Oberschule habe ich mir ein altes Buch besorgt und fing an selbst Deutsch zu lernen. Die ersten Sätze in dem Buch, an die ich mich noch sehr gut erinnern kann, waren: „Das ist ein Tisch. Das ist ein Bleistift. Der Bleistift liegt auf dem Tisch.“ Seitdem war Deutsch meine Lieblingsfremdsprache. Ich habe in der Studienzeit weiter gelernt. 1996 im Sommer war ich zum ersten Mal in Deutschland. Ich bin mit meinem Kumpel per Anhalter nach Köln gefahren. Die Hitchhiker-Besuche habe ich noch in 1997 und 1998 wiederholt. Ab 1999 war ich Stipendiat an der Fachhochschule in Münster.

Freundin brachte polnisches Scrabble-Brett mit

Seit wann spielst Du polnisches Scrabble?

Tomasz: 2001 brachte eine Freundin von mir aus Warschau das polnische Scrabblebrett nach Münster und damals spielte ich Scrabble zum ersten Mal. Ich fand das Spiel total interessant und fing an online mit anderen Polen zu spielen. Es gab damals eine in Polen sehr bekannte Internetseite, wo man Mattel-Scrabble spielen konnte und wo die meisten heutigen polnischen Spieler ihr Abenteuer mit Scrabble anfingen. Unsere Scrabble-Spieler haben jahrelang dort gespielt – leider funktioniert die Seite nicht mehr. Man kann jetzt nur ein Quasi-Scrabble-Spiel auf der sehr populären Seite kurnik.pl/literaki spielen. In 2003 bin ich nach Krakau zurückgekommen und fing an im Krakauer Scrabble Club zu spielen. Wir spielen bis heute regelmäßig jede Woche sechs Runden immer am Donnerstag ab 17 Uhr. Aktuell finden zirka 850 Clubturniere statt. Gleichzeitig nehme ich regelmäßig an einigen Turnieren im Jahr in Polen teil. Ich gehöre nicht zu den besten Spielern in Polen, meine beste Ranglisten-Platzierung war die Nummer 50, jetzt bin ich auf zirka dem 80. Platz.

Wie kamst Du auf die Idee, auch auf Deutsch zu spielen?

Tomasz: Im Januar 2019 habe ich mit meiner Frau die Idee diskutiert, dass ich versuchen könnte auf Deutsch zu scrabbeln. Ich entschied mich im Mai an der Deutschen Meisterschaft teilzunehmen. Ich hatte also zirka vier Monate zum Trainieren. Da ich bis dahin nur einmal auf dem deutschen Brett spielte, musste ich in dieser kurzen Zeit viel nachholen. Ich lernte vor allem die Zweier und Dreier – ohne die kann man ja nicht vernünftig Scrabble spielen. Ich wollte noch möglichst viele Verben, Substantive und Adjektive lernen, die ich bisher nicht kannte. Leider hatte ich nicht viel Zeit. Außerdem spielte ich einige Spiele pro Tag mit der Scrabble-App, um mich mit dem deutschen Spiel vertraut zu machen und nach ungefähr 500 Spielen fühlte ich mich kurz vor dem Turnier viel sicherer.

Scrabble Deutsche MeisterschaftTomasz bei der Deutschen Meisterschaft
 

Unterschiede zur polnischen Scrabble-Szene

Was kannst Du uns über die polnische Scrabble-Szene erzählen?

Tomasz: Es gibt Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen unserer und der deutschen Scrabble-Szene. Ein paar große Unterschiede:

  • Wir spielen 20 Minuten, aber wir stoppen die Uhr nach dem Zug und warten bis der Gegenspieler die Punkte geschrieben hat; wir prüfen auch die Wörter viel öfter denn wir haben keine Minuspunkte, wenn das Wort gültig ist; eine Runde dauert also durchschnittlich zirka 50 Minuten
  • Die Regeln sind sehr locker, wenn es um die Ruhe im Spielraum geht, vor allem kann man nach dem Spielende das Spiel leise kurz besprechen und nicht sofort rausgehen. Ansonsten kann man auch zuschauen, wie die anderen Spieler spielen, zum Beispiel beim ersten Tisch stehen manchmal viele Zuschauer und nach dem Spiel geht es los mit der Analyse über alle möglichen Situationen und Lösungen; man kann davon viel lernen.
  • Wir haben auch keine Minus-30-Punkte für klingelnde Handys, obwohl natürlich alle ausgeschaltet werden sollen.
  • Das Alter der Spieler ist anders – die meisten Spieler sind zwischen 25 und 45 – es gibt auch viele Jugendliche bis 20 Jahre und wenige 60+ Spieler. Es wäre bestimmt eine interessante Sache zu forschen, woher diese Unterschiede kommen. Wahrscheinlich liegt es an der Geschichte mit dem Eisernen Vorhang. Erst in den 90er Jahren kam Scrabble zu uns und auch mit der Entwicklung der sehr populären ehemaligen Internetseite Cronix, auf der viele jungen Spieler unter 20 zu spielen angefangen haben.

 
Tomasz: Ähnlich ist auf jeden Fall die Leidenschaft zu Scrabble und zu der Sprache, Wörter und dem Spiel. Wir könnten genauso wie ihr über alle sprachlichen Nuancen stundenlang reden. Wir sind auch verrückt nach Scrabble!

scrabble in polen brettSo sieht ein polnisches Scrabblebrett aus.
 

Scrabble in Polen – Die Szene

Wie viele Turnier-Spieler und Scrabble-Clubs gibt es in Polen?

Tomasz: Aktuell sind in der Rangliste 319 aktive Spieler zu finden und außerdem gibt es fast doppelt so viele Personen, die in den letzten zwei Jahren an einem Turnier teilgenommen haben (Anmerkung: in Deutschland sind es 247 Spieler.). Wir haben ziemlich viele Turniere – 2019 sind es ungefähr 43 Turniere (Anmerkung: in Deutschland sind es 22). Wenn es um Vereine geht, gibt es 38 auf unserer Website, aber nicht alle von ihnen organisieren reguläre Spiele. Bei den polnischen Klubmeisterschaften treten in der Regel mehr als ein Dutzend Mannschaften an. 2019 haben bei der 14. polnischen Klub-Meisterschaft zehn Teams gespielt, fünf davon auch mit der zweiten Mannschaft. Die Teams hießen: GHOST Kraków, PARANOJA Warszawa, MACAKI Warszawa, DĄBEK Warszawa, MATRIKS Milanówek, BLUBRY Poznań, SIÓDEMKA Wrocław, ŁKMS Łódź, F-16 Gdańsk, START Kołobrzeg

Exkurs: Turniere in Polen

Es gibt viele verschiedene Turnierangebote in Polen. Die Scrabble-Turniere finden oft in Kultur- und Sportzentren statt. Die Teilnahmegebühr ist günstig, zwischen 5 und 12 Euro. Die Teilnehmerzahlen sind erstaunlich hoch, wie zum Beispiel im Juli 2019 beim Nachtscrabble in Łódź, zwölf Runden nonstop von Samstag 21 Uhr bis Sonntag 9 Uhr mit 61 Teilnehmern, oder bei der Regionalmeisterschaft von Oberschlesien und Zagłębie: 12 Runden über zwei Tage mit 67 Teilnehmern, ein Preisgeld von 600 Złoty (rund 140€) gab es zu gewinnen. Möglich wird das durch Sponsoring.

Bild?

Wie schafft ihr es Sponsoren zu gewinnen?

Tomasz: Scrabble ist leider eine ziemlich große Nische und es ist nicht einfach, geschäftliche Unterstützung zu bekommen. Damit die Preise attraktiv sind, müssen die Organisatoren manchmal hart arbeiten, indem sie potenzielle Sponsoren anrufen. Befreundete Firmen erweisen sich oft als wichtig. Sehr oft werden dagegen die Turniere von den lokalen Behörden unterstützt. Größere Städte haben in der Regel ein Budget, das sie für die Unterstützung der Kultur ausgeben können, während kleinere Städte das Scrabble-Turnier als Gelegenheit betrachten, für das Wochenende Dutzende von Menschen aus dem ganzen Land anzuziehen. Auch Verlage, Bibliotheken und Medienunternehmen finden sich unter den Sponsoren.

Scrabble in Polen: In der Schule

Gibt es ein Jugendprogramm und Jugendwettbewerbe?

Tomasz: Wir haben ein großes Programm namens „Scrabble in der Schule“, an dem über 1000 Schulen aus dem ganzen Land teilnehmen. Ein so gutes Ergebnis ist vor allem Spielenthusiasten zu verdanken, die den Beruf des Lehrers ausüben. Im Rahmen des Programms lernen die Schüler, wie man Scrabble spielt und üben gleichzeitig Rechtschreibung, Zählen und strategisches Denken. Darüber hinaus finden seit über 20 Jahren regelmäßig die Nationalen Schulmeisterschaften im Scrabble statt. Eine interessante Tatsache ist, dass wir auch separate Meisterschaften für Lehrer haben.

Spielt Ihr auch Duplicate wie in Frankreich oder mehr classic?

Tomasz: Ja, in Polen heißt es Belgijka, wo alle Spieler mit gleichen Buchstaben spielen. Sowohl die polnischen Meisterschaften als auch gewöhnliche Turniere werden nach einer klassischen Formel gespielt. Die Belgijka-Meisterschaften werden seit zwei Jahren veranstaltet, aber dieses Spiel ist bei uns immer noch nicht sehr populär.

Wie lernt ihr Wörter? Gibt es eine polnische Lernsoftware?

Tomasz: Es gibt verschiedene Trainingsprogramme seit gut zehn bis 15 Jahren. Ein echter Durchbruch in diesem Bereich war jedoch erst Ende 2014 zu verzeichnen. Damals wurde Quackle bekannt, ein Programm, mit dem man die Stärke des Zuges anhand vieler Simulationen des weiteren Spielverlaufs beurteilen kann. Wir analysieren damit sowohl bereits gespielte Spiele und trainieren auch mit dem Computer als Gegner. Dies ist wahrscheinlich das erste Programm, von dem gesagt werden kann, daß es die Taktiken der besten Spieler „versteht“. Ein gutes Werkzeug ist auch das Online-Programm Aerolith, mit dem man Anagramme üben kann. Derzeit unterstützt Aerolith vier Wörterbücher.

Wo können wir noch mehr über die polnische Scrabbleszene erfahren?

Tomasz: Die Hauptadresse ist die Seite der polnischen Scrabble Föderation. Viele interessante Fakten und Rekorde kann man auf der Arkadiusz Bieguns Seite finden, die Statistiken von polnischen Turnieren enthält. Bartosz Morawski ist Autor der Facebook Scrabble-Fanpage „Trzeci Blank“ (Drittes Blanko), wo Du auch ein paar Fotos mit Brettern von ihm finden kannst.

Wäre es denkbar mal ein deutsch-polnisches Turnier in einer Grenzstadt zu veranstalten?

Tomasz: Natürlich gibt es eine Chance, wenn jemand bereit wäre, es zu organisieren. Dies ist eine interessante Idee, und PFS (unsere Scrabble-Föderation) wird definitiv grundlegende Unterstützung in Form von Spielsets bieten. Es würden wahrscheinlich zwei Turniere gemacht werden müssen: polnisch und deutsch.

Wir bedanken uns bei Tomasz für das ausführliche Interview und freuen uns sehr, ihn wieder bei deutschen Turnieren zu begrüßen. Wir halten dich auf dem Laufenden, wie sich die Idee eines gemeinsamen Turniers weiter entwickelt. Einen Exkurs zum polnischen Scrabble kannst du hier nachlesen.

Bildnachweise
Titelbild von Tomasz Lempart mit Bearbeitung für und durch 1337 UGC GmbH
Bild 1 von Ben Berger für 1337 UGC GmbH
Bild 2 von Johannes Naumann für 1337 UGC GmbH
Bild 3 von Tomsz Lempart für 1337 UGC GmbH