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Kreuzwortkolumne #67 – Ketzerei

erstellt am von  in Kreuzworträtsel-Kolumne

Zwischen Ketzerei und Gotteslästerung liegt oft nur ein Steinwurf. Autoritäre Systeme, deren Einzigkeitsansprüche lediglich auf Gewohnheitsrecht oder Erbfolge basieren, neigten schon immer zu Überreaktionen, wenn sie in Frage gestellt wurden. Dieser besonderen Form der Engstirnigkeit fielen im Laufe der Geschichte unzählige Menschen zum Opfer. Viele unterdrückte religiöse Minderheiten flohen in die neue Welt. Dort unterdrückten sie ihrerseits andere Minderheiten, wie etwa Ureinwohner, Frauen, Homosexuelle oder generell Nichtweiße. Dies alles geschieht auch heute noch, stets im Glauben, das einzig Richtige zu tun. Und, merken Sie was? Genau.

Keine Sorge, unsere Kreuzworträtsel-Hilfe ist keine Schwarze Liste (übrigens auch eine sehr „weiße“ Erfindung.) !

Ketzerei – Verdammenswerte Meinung

Die Einen sagen Jesus sei der Herr Gott höchstselbst. Oder wenigstens ein Gottmensch. Die Anderen sagen, Er, der J-Zuz, sei lediglich von Gott adoptiert worden, trage aber sowohl eine göttliche als auch eine menschliche Persönlichkeit mit sich herum. Spalter! Wieder Andere sagen, Jesus sei von innen göttlich und von außen knusprig wie feinstes Oblaten-Crack. Ganz Andere sehen das noch anders: Gott habe Jesus wie den Menschen geschaffen, wenn auch als Ersten unter Gleichen, also weder Fisch noch Fleisch. Und das Konzept vom Übermenschen verstand der Eine auch wieder anders als der Andere. Ja, und dann gab es noch diesen berühmten Exzentriker, der glaubte, Jesus hätte nie lange gefackelt, sondern eine Peitsche genommen und… nunja, der Rest ist bekannt.

Dieses Bild von John Thomas aus dem Jahre 1875 trägt den Titel „Das einzig wahre Bildnis unseres Erlösers“. Hätten wir das also ein für alle Mal geklärt, ja? Jesus war weiß und blond, Herrgottsakra!

Was die Einen und die Anderen miteinander verbindet ist, lustigerweise, genau das, was sie voneinander trennt: Die unverrückbare Annahme, dass der jeweils Andere mit seinem Glauben absolut daneben liegt und darob verfolgt, gefoltert und verbrannt gehört – wohingegen man selbst der alleinige Eine ist, der kraft seiner heiligen Wassersuppe darüber zu Gericht stehen darf, wer des Irrglaubens und damit der Ketzerei schuldig ist und dessen Häretikersamen von der Erde getilgt werden muss.

„Wer frevelhaft dort Ketzerei betreibt,

den lassen wir schmerzhafte Strafe

schmecken.“

(Sure 22:25)

Mittel gegen Ketzerei

Ob man im Faschismus lebt oder nicht, zeigt sich daran, wie Andersdenkende miteinander umgehen. Ein vernunftorientierter Glaubensdiskurs kann zum Ziel die „Bekehrung“ des vermeintlich Irrglaubenden durch argumentative Widerlegung seiner Thesen haben, zum Beispiel durch Shakubuku im Nichiren-Buddhismus. Soviel Zeit hat aber in der Regel keiner, weshalb meistens zur Holzhammer-Methode gegriffen wird.

Bei der Nationalhymne nicht mitsingen

und das Knie beugen

gilt denen als Sakrileg,

die in dem Lied gut wegkommen.

Die Spanische Inquisition

Der Dominikanermönch Tomás de Torquemada, auch bekannt als „Hammer der Häretiker“, war aus genau so einem Holz geschnitzt. Der glühende Antisemit und Antiislamist ließ gegen Ende des 15. Jahrhunderts tausende Menschen verfolgen, foltern und verbrennen. Dies betraf in der Hauptsache konvertierte Juden und Mauren, die im stillen Kämmerlein ihren alten Glauben weiter praktizierten. Öffentliche Schauprozesse und Massenhinrichtungen (Auto-da-fés) waren das Open Air Kino seiner Zeit. Um vielfältige Verhörmethoden war man schon damals nicht verlegen: neben diversen Zangen und spitzenbewehrtem Interieur kam auch Toca, eine Frühform der Wasserfolter zum Einsatz, um Geständnisse zu erhalten, welche dann auch geradezu aus den Leuten heraussprudelten.

Freelance-Folterknechte hatten zur Zeit der Inquisition(en) Hochkonjunktur. Ihr Angebot reichte von Permanent-Pediküre bis hin zu aufwändigen Brandings und anderen Body-Modifications. Die Angst der Menschen vor diesen erweiterten Verhörmethoden wurde bewusst geschürt. Um der Tortur zu entgehen bezichtigte man Nachbarn, Freunde, Verwandte und Bekannte der Ketzerei. Dass sich dabei auch eine neunschwänzige Katze in selbigen beißt, liegt auf der Hand.

Petzerei

Nach der Inquisition ist vor der Inquisition. Schon lange vor der Spanischen diffamierte man gern und oft Andersgläubige als sittlich degeneriert. Allerdings bedurfte es damals noch einer schlüssigen Beweisführung. Mindestens zwei „Personen guten Charakters“ mussten diese Anklage bestätigen. Noch einfacher und schneller war da natürlich das willkürliche Streuen von Vorwürfen der Zauberei, des Okkultismus oder der Hurerei*. Auf Basis haltloser Verleumdung konnte man so unliebsame Zeitgenossen enteignen, entrechten und entleiben, und das alles im Namen der gerechten Sache.

(* Hurerei meinte damals noch den Umstand, wenn eine Frau sich hatte vergewaltigen lassen. So etwas würde heute niemandem mehr einfallen, gelle?)

Sack Rament!

Die Exkommunikation und damit auch der Ausschluss von etwaiger Erlösung nach dem Tode war eine gängige Strafe für sogenannte „Unbekehrbare“. Ein Häretiker musste zuvor aber katholischer Christ, also gültig getauft worden sein. Aber haben christliche Sakramente, wie etwa das Benetzen der Kopfhaut mit Wasser, wirklich universelle Gültigkeit? Oder ist es entscheidend, ob der ausführende Geistliche selber daran glaubt? Nach wievielen Jahren muss eine Taufe aufgefrischt werden? Und wie lässt sich eine heiligende Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus nachweisen, wenn man an der Himmelspforte mit dem Türsteher in Konflikt gerät, weil der Taufnachweis ungültig ist?

Tauffeiern konnten in der Antike regelmäßig zu mittleren Orgien ausarten, weshalb die Taufbecken im Laufe der Jahrhunderte immer kleiner wurden.

Taufschein & Sein

Sie sind ungetaufter Katholik und wollen Heiraten? Ha! Unseliger! Seien Sie lieber froh, dass die Vorhölle abgeschafft wurde!  Ist eine Taufe ungültig, so können gemäß des römisch-katholischen Glaubens die Sakramente nicht empfangen werden. Das heißt: der oder die Untergetaufte kann keine Salbung im Krankheitsfalle erhalten und auch die Lohnfortzahlungen sind perdu. Brot und Wein sind weder Laib noch Blut und schmecken wie in alte Zeitungen eingewickelte Rote Bete. Und nicht einmal der Weihepriester legt einem noch die Hand auf – was in vielen Fällen der eigentliche Segen ist. Das Sakrament der Versöhnung, die Beichte, kann einem auch nicht abgenommen werden. Da ist es doch ein Glück, dass heutzutage das Internet quasi als virtueller Beichtstuhl fungiert und sich dort jeder, aber auch wirklich jeder auch ohne Tauf- und Heiligenschein einen Namen machen kann.

„Als Katholik

kann ich nicht

Gott zensieren!“

Antwort des besonders bibelfesten Ikea-Angestellten Tomasz K. nachdem er aufgefordert wurde, seine mit Bibelzitaten geschmückten homophoben Äußerungen aus dem Firmen-Chat zu entfernen. (Quelle)

Ketzerei als Politikum

England spaltet sich ab, Schottland und Irland dürfen es ausbaden. Damals wie heute.

Heinrich VIII., ein opportuner Lustmolch vor dem Herrn, gründete 1534 aus Trotz die anglikanische Kirche und ließ fortan englische Katholiken verfolgen, foltern und verbrennen, was immer noch billiger war als ein Scheidungsanwalt.

Heinrichs Tochter „Bloody“ Mary Tudor, eine glühende Katholerikerin, machte diese Ungerechtigkeit wieder rückgängig, indem sie nun Protestanten verfolgen, foltern und verbrennen ließ.

Elisabeth I., die protestantische Tante von Maria Stuart, unterstützte wiederum die anglikanische Kirche, indem sie (unter anderem) katholische Priester verfolgen, foltern und verbrennen ließ. Um auf Nummer Sicher zu gehen wurden katholische Priester zunächst gehängt, dann ausgeweidet und schließlich gevierteilt. Das war nötig, damit sie nicht etwa nach drei Tagen plötzlich vor der Tür stehen und Prospekte verteilen konnten.

Im 16. Jahrhundert war den Menschen ihr Glaube durchaus lebenswichtig, denn es gab außer Arbeiten, Beten und Gebären nicht viel zu tun. Man war also hin- und hergerissen, im metaphysischen wie auch im sprichwörtlichen Sinne. Elisabeth I. ist in dieser Hinsicht noch als gemäßigt zu betrachten, da sie den Menschen ihren Glauben im Privaten durchaus zugestand, beziehungsweise sich keinen feuchten Schilling darum scherte, solange man sich ihr öffentlich und politisch fügte.

1570 wurde Elisabeth von Papst Pius V. exkommuniziert. Im darauffolgenden Jahr scheiterte eine katholische Verschwörung mit dem Ziel, die „Ketzerin“ zu ermorden und stattdessen Maria Stuart auf den Thron zu setzen. Es kam dann aber doch geringfügig anders…

„Herrgottnocheins!!“ soll Maria Stuart ihren Henker angeherrscht haben, als dieser beim ersten Schlag nur ihren Hinterkopf traf, was ja bekanntlich das Denkvermögen steigert.

Der intellektuelle Sohn von Maria Stuart, Jakob I., konzentrierte sich lieber auf weltliche Dinge und ließ in Schottland und England Frauen als Hexen verfolgen, foltern und verbrennen. Bei den fraglichen Hexen handelte es sich in 99,9 Prozent aller Fälle lediglich um Bettlerinnen, Hebammen und Osteopathinnen.

Hexenverfolgung

Da ja bekanntlich nur das Gute von Oben kommt, mussten für so unschöne Dinge wie Pest, Krieg, Hungersnöte und Klimawandel die Schuldigen woanders gesucht werden. Einzeltäter, besser noch ganze Einzeltätergruppen, ließen sich glücklicherweise immer leicht finden. Man brauchte nur darauf zu achten, ob jemand irgendwie „anders“ war, sich zum Beispiel mit Kräutern gut auskannte, eine auffällige Haarfarbe trug oder im Fieberwahn irgendwelchen liberalen Mumpitz von sich gab. Noch heute kann Einen eine Aussage wie „Sämtliche Inlandspflüge verbieten!“ politisch unter die Erde bringen.

Cautio criminalis – Wider den Hexenwahn

1631 erschien in Deutschland zunächst anonym das Buch des katholischen Jesuiten Friedrich Spee von Langenfeld, der sich darin gegen die übliche Praxis der Überführung fraglicher Hexen und Zauberer durch während Folter erlangter Geständnisse wandte. Spee war der Auffassung, dass es zwar durchaus dunkelmagisch bewanderte Gestalten gäbe, es aber naiv sei zu glauben, dass diese sich aus Angst vor Schmerzen zu erkennen gäben. Anna Katharina Nürberg, eine angeheiratete Tante Spees, wurde ebenfalls 1631 als sogenannte „Hexenkönigin von Bruchhausen“ auf Basis eines auf dem Stachelstuhl erfolterten Geständnisses verurteilt und hingerichtet. Letztlich steht jedoch zu vermuten, dass die wohlhabende und verwitwete Anna Katharina der Gier und Missgunst ihrer braven Mitmenschen zum Opfer fiel.

„Ich kann die StvO auswendig herbeten,

was kümmert mich der reale Verkehr?“

(Raudi Prollmann, Amokfahrer)

Epilog

„Was weiß man schon?“ heißt es im letzten Satz von Jasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“. Nun, wenn Glauben Wissen wäre, dann könnten die kommerziell organisierten Religionen einpacken. Niemand ist unfehlbar. Niemand sollte sich wegen seiner Überzeugungen fürchten müssen. Kritik ist kein Verrat. Aus verletztem Stolz erwächst kein Recht auf Unterdrückung. Wir ticken zwar alle unterschiedlich, aber irgendwie doch nach der gleichen Uhr. Je eher wir das begreifen, um so mehr Zeit bleibt für die schönen Dinge des Lebens.

Sinead O'Connor ripping Pope picture – Fight the real enemy

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Noch mehr Wissenswertes findet ihr in unserer Kreuzwortkolumne und noch mehr Podcasts gibt es in unserer Rubrik Dominiks letzte Worte. Schaut vorbei!

Über den Autor

Der Autor ist tot…und ich bin der lebende Beweis dafür. Mein Motto: „Der Dativ ist des Objektes Stativ.“



Bildquellen:

Titelbild: Dominik Wachsmann; Copyright: frost || films; Photograph: Peggi Petzold

Bearbeitung: Frederik Schrader für 1337 UGC GmbH

Bild Jesus: via Wikimedia Commons, Public Domain

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31026534

Bild Freelance-Folterknechte: via Wikimedia Commons, Public Domain

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=60282987

Bild Taufe: via Wikimedia Commons, Public Domain

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15453586

Bild Maria Stuart: via Wikimedia Commons, gemeinfrei

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50756265