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Flüchtlinge sind Wort des Jahres 2015

erstellt am von  in Wortwissen

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat Flüchtlinge zum Wort des Jahres 2015 gewählt. Die Jury nannte zwei Gründe für diese Entscheidung. Zum einen waren und sind die Flüchtlinge das „vorherrschende Thema des Jahres„, zum anderen wohnt dem Begriff eine sprachliche Ambivalenz inne. Durch den Zusatz -ling würden sowohl positive als auch negative Assoziationsketten ausgelöst:

Flüchtling – Eindringling – Schädling – Findling – Schützling…

Welche Assoziation auch immer ausgelöst werden mag, dem Begriff Flüchtling zugrunde liegt immer fliehen oder Flucht. Und die Auslöser hierfür sind noch weitaus zahlreicher. Flüchtlinge ist daher mehr als nur ein Wort. Es ist ein Sammelbegriff für vieles, was (nicht nur) in Deutschland die Gemüter erregt. Und je länger dieser Begriff im Kopf arbeitet, um so klarer wird es, was beim Wort des Jahres 2015 implizit mitschwingt. Die Flüchtlinge sind das Wort. Krieg, Verzweiflung, Tod und Armut nur ein paar von vielen Hauptnebenbedeutungen, die es mit sich bringt. Ein wortassoziativer Kommentar.

Flüchtlinge – ein Sammelbegriff

Bei der Wahl zum Wort des Jahres geht es nicht um die Häufigkeit seiner Verwendung sondern um seine Bedeutung. Das scheinbar kleine Wort Flüchtlinge jedoch vereint so viele Nebenbedeutungen in sich, dass hier auch die Quantität eine Rolle spielt.

Flüchtlinge

Viele Schlagworte wurden gefunden um die Situation zu bewerten. Es gibt diejenigen, die Flüchtlinge mittlerweile Refugees nennen und willkommen heißen. Und es gibt jene, die ihre Enttäuschung und ihre Ängste auf die Flüchtlinge projizieren. Sei es aus Frust über die eigene wirtschaftliche Lage oder aus der nachhaltig geschürten kollektiven Angst vor dem Islam. Viel Sprengkraft fand sich im gesellschaftlichen Diskurs. Am Thema Flüchtlinge schieden sich nicht nur gute Geister. Es brachte auch die soziale Gesinnung ganzer Nationen zutage, im Guten wie im Schlechten.

Wort des Jahres – Empathie und Kategorie

Diverse Gruppierungen haben sich um diesen Begriff versammelt. Nicht wenige kamen der Lagerfeuerstimmung wegen. Ergebnis: Es gibt Wirtschaftsflüchtlinge, und die, die nur des Geldes wegen kommen. Medial waren die Flüchtlinge allgegenwärtig, wurden mit Terroristen gleichgesetzt oder zur politischen Meinungsmache instrumentalisiert. Ethik-Diskussionen wurden ausgelöst, zum Beispiel, ob es zumutbar sei, ertrunkene Kinder in den Nachrichten zu zeigen. Pragmatische Gemüter haben sich sogar bereits Gedanken darüber gemacht, wie eine baldige und effiziente Rückführung zumindest gestaltbar sei. Fest steht: Deutschland nimmt Flüchtlinge auf. Aus dem Irak, Syrien, Albanien, Serbien, Afghanistan…

Flüchtlinge –  Akkusativobjekt politischen Scheiterns

Wir schaffen das! Dieser Satz schaffte es auf Platz 10 der Worte des Jahres 2015. Gesprochen hat ihn die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel. Umgesetzt haben ihn tausende ehrenamtliche Helfer. Verschiedenen EU-Staaten wurde vorgeworfen, Flüchtlinge einfach weiterzureichen. Das Wort hierfür ist durchwinken (Platz 6) und wird sich vermutlich unter den Anwärtern für das Unwort 2015 wiederfinden. Grexit und Wirtschaftsflüchtlinge könnten sich da den 1. Platz teilen. Was alle diese Begriffe vereint ist ihre immanente Hilflosigkeit. Es handelt sich hierbei um jene, tückische Form der Hilfe-losigkeit, die sich darin äußert dass es keiner gewesen sein will und die Verantwortlichkeit für die Begriffsherkunft zunächst hin- und hergereicht, ja, eben durchgewunken wird. Gewissensfragen werden gestellt: Welches Land muss wieviele Flüchtlinge nehmen? Woher? Wieso? Wie lange? Wo liegen die Ursachen für das Elend, aus dem sie kommen? Wann? Wer? Und mit welchem Geld? Sogennante besorgte Bürger und Asylkritiker nicht nur aus dem rechten Lager waren nicht bescheiden dabei, die Situation der Flüchtlinge darauf runterzubrechen, dass diese ja nur am westlichen Wohlstand partizipieren wollten.

Aus diesen und vielen anderen Gründen ist es wichtig, sich über die Bedeutung von diesem besonderen Wort des Jahres Gedanken zu machen. Denn wer Flüchtlinge mit Zuwanderern gleichsetzt, hat den Zug nicht kommen hören.

Was aber sind Flüchtlinge?

Der Name einer fortwährenden menschlichen Katastrophe. Trauriger Sammelbegriff für das Erbe von Krieg und wirtschaftlicher Not. Thematischer Aufhänger und Schlagwort unterschiedlichster politischer Bewegungen. Problem. Aufgabe. Chance. Das Wort des Jahres 2015 dürfte wohl das einzige sein, welches hunderttausende von Namen hat. Weltweit.

Bildquellen

  • Flüchtlinge: Bildrechte bei der 1337 UGC GmbH
  • wort des jahres 2015: Bildrechte bei der 1337 UGC GmbH