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Vom lokalen Tennisclub direkt nach Wimbledon

Brigitte Brath im Interview – „Vom dörflichen Tennisverein direkt nach Wimbledon“

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Die deutsche Scrabble-Turnierspielerin Brigitte Brath nahm Anfang Januar an den UK Open teil. Zwischen ihrer Rückkehr nach Deutschland und der Abfahrt zum nächsten Turnier, dem Israeli Open, hatte sie Zeit für ein Interview gefunden. Neben ihren Turniererfahrungen ließ sie uns auch an ein paar kleinen Tipps zum Scrabble-Spielen teilhaben.

Das Besondere an Scrabble

Die Scrabble-Karriere von Brigitte Brath begann vor viereinhalb Jahren. Sie hatte schon immer ab und zu gespielt, aber erst im Jahr 2009 wurde sie auf die professionellen Turniere aufmerksam und damit in die Welt der Scrabble-Begeisterten hinein gezogen. „Ich habe dann auch gleich Feuer gefangen,“ erklärt sie. Was Brigitte Brath am meisten an den Turnierbesuchen und an Scrabble im Allgemeinen schätzt, ist die Begegnung mit vielen verschiedenen Menschen aus der ganzen Welt. Die internationalen Turniere öffnen einem die Tür zu großartigen Erfahrungen, indem man die seltsamsten Charaktere von Menschen trifft und Orte besucht, die man sonst nie bereist hätte. Dessen ist sich die deutsche Spielerin bewusst.

„Ich glaube nicht, dass ich ohne Scrabble nach Rumänien gekommen wäre. Reizvoll ist auch, dass es letztendlich auch mal drin ist, einen deutlich besseren Spieler zu schlagen. Das ist immer ein Highlight. Und irgendwie ist jedes Spiel anders, so dass es nie langweilig wird. Zumindest auf meinem Niveau kann ich mich noch ständig verbessern.“

Vom 2.-6. Januar hatte Brigitte Brath an den UK Open in Solihull teilgenommen und dabei mit 13 gewonnenen und 17 verlorenen Spielen den 14. Platz in der Division C belegt. Das englische Turnier fand bereits zum siebenten Mal statt und versammelte dabei 58 Spieler im Ramada Hotel. Bilder von der Veranstaltung kann man auf der Facebook-Präsenz von British Scrabble begutachten. Dieses Mal war Brigitte Brath beim Turnier die einzige deutsche Vertreterin. 2010 besuchte sie das englische Turnier zum ersten Mal mit Peggy Fehily. Ein ausschlaggebender Grund für beide, die UK Open damals zu besuchen, lag unter anderem am günstigen Termin Anfang Januar.

„Deswegen beschlossen Peggy und ich mitzumachen. Komplett naiv, nach vielleicht einem halben Jahr competetive Scrabble. Es war so ein bisschen als würde man von seinem dörflichen Tennisverein aus direkt nach Wimbledon fahren. Aber es hat gleich so viel Spaß gemacht – der eine oder andere unerwartete Gewinn hat sicher noch die Begeisterung verstärkt. Und die Mitspieler waren eine Freude.

Dieses Jahr war der Terminplan sehr eng gesteckt. Spiel nach Spiel, nur 30 Minuten Mittagspause und after-dinner games. Und trotzdem, man denkt nach dem letzten Spiel, ein Paar würden schon noch gehen.“

Scrabble international

Wenn man als deutsche Spielerin international Scrabble spielt, kommt die Frage auf, ob es nicht von Nachteil ist, es nicht in der eigenen Muttersprache

Brigitte Brath beim Israeli Open 2014
Brigitte Brath beim Israeli Open 2014

spielen zu können. Denn das Lernen von Wörtern und Wortlisten muss man dadurch nicht nur für die eigene sondern zusätzlich in anderen Sprachen (in der Regel Englisch) lernen. Als Lektorin für technisches und Wirtschaftsenglisch an einer Hochschule hat Brigitte Brath damit jedoch kein Problem: „Die Sprache an sich ist schon mal Alltag für mich und macht mir Freude.“

Doch abgesehen von der Sprache, unterscheiden sich die professionellen Scrabble-Spiele in anderen Ländern? Im Allgemeinen spielt man auf internationalen Turnieren nach den gleichen Regeln und Bedingungen, so hat z.B. jeder Spieler 25 Minuten Zeit um insgesamt alle seine Züge umzusetzen. Die deutsche Spielerin findet die vielen Gemeinsamkeiten aller Turniere höchst bemerkenswert.

„Die Mischung der Spieler ist immer international, was auch den Reiz ausmacht. Dadurch sprechen dann auch alle Englisch miteinander und im playing room sieht es mehr oder weniger überall gleich aus, so dass man letztendlich am ehesten durch das Essen merkt, wo man gerade ist.“

Bei all den verschiedenen Arten von Menschen, denen man auf einem Turnier begegnet, bietet sich auch mal die Möglichkeit, gegen Spieler aus einer ganz anderen Altersklasse anzutreten. So trat Brigitte Brath z.B. einmal gegen Jack Durand, einen 13jährigen Jungen aus England, an, der dieses Jahr auch an den UK Open teilgenommen hat. Es ist mit Sicherheit eine große Herausforderung gegen jemanden anzutreten, der Scrabble professionell seit seiner Kindheit spielt. Obwohl sie erst vor ein paar Jahren damit angefangen hat auf Turnier-Scrabble zu spielen, scheut sich Brigitte Brath vor solchen Gegnern nicht, sondern sieht darin eher einen Vorteil.

„Tatsächlich habe ich vor ca. drei Jahren bei den BMSC [British Matchplay Scrabble Championship] in England mal gegen ihn [Jack Durand] gespielt und verloren. Seine Mutter hat dieses Mal in der gleichen Division wie ich mitgespielt. Sicher sind die Chancen gegen so jemanden nicht sonderlich groß. Aber in solchen Spielen kann jemand wie ich unheimlich viel lernen und es ist trotz der Niederlage am Ende ein Vergnügen gewesen. Die spielen tatsächlich in einer anderen Liga, und das zu Recht. Es ist immer eine Bereicherung, wenn man ein Coaching von einem guten Spieler bekommt.“

Die andere Seite der Scrabble-Turniere

Neben der Teilnahme bei internationalen Turnieren hat Brigitte Brath auch die andere Seite von Scrabble-Events kennen gelernt. Im Jahr 2013 gehörte sie zu dem Team, das das 2. German Open in Bad Wimpfen organisierte. Man sollte dabei niemals unterschätzen, wie viel Ressourcen für ein derart großes Turnier beansprucht werden.

„Den Hauptteil der Arbeit hat immer Peggy Fehily gehabt. Beate Holder und ich haben sie unterstützt bzw. zugearbeitet. Z.B. kümmere ich mich um die Bahnverbindungen für die Teilnehmer oder wir schauen das Hotel gemeinsam an und tauschen uns aus, ob es als Veranstaltungsort geeignet ist. Wir alle versuchen natürlich das Turnier zu bewerben. Wobei ich das auch bei anderen Turnieren mache, auf die ich gehe.“

Strategien & Tipps für Scrabble-Spieler

Für einen Turnierspieler ist es von großer Bedeutung, nach einer gewissen Strategie zu spielen. Spielt man zu unbekümmert, indem man beispielsweise nach Buchstaben mit hoher Punktzahl Ausschau hält, wird einem das gegen einen Profispieler nicht viel nützen. Es ist hingegen wichtiger auf den intrinsischen Wert (intrinsic value) eines Buchstaben oder Wortes zu achten. Dieser Wert ergibt sich aus der Anzahl der möglichen Wörter, die sich aus den gegebenen Buchstaben legen lassen. Die gebräuchlichsten Buchstaben wie ERNST (bzw. für das Englische: RETAINS) haben zwar keinen hohen Punktewert, aber mit ihnen lassen sich schneller sehr viele Wörter bilden als mit hochwertigeren Buchstaben wie JQX. Allerdings werden einem derartige Spielstrategien erst mit der Zeit bewusst, man gebraucht sie selten schon in den ersten Scrabble-Spielen.

Eine weitere, übliche Strategie unter den Profispielern besteht darin, die Zwei-, Drei- oder sogar Vier-Buchstaben-Wörter auswendig zu lernen. Nichtsdestotrotz wird jeder Spieler auch seine ganz persönlichen Tipps haben, wie Brigitte Brath:

„Mit Listen lernen ist nicht so mein Ding – das wäre es auch nicht bei Listen in Deutsch. Ich habe versucht, eine für mich passende Methode zu finden. Zum Beispiel habe ich ein hook book – das nenne ich so, weil ich darin Wörter sammle, auf die ich in Spielen stoße. Es geht dabei um ein Wort, das ich schon kenne und das man mit einem mir bis dahin unbekannten front oder back hook verändern kann. Zum Beispiel kann ich VIRE noch ein O anhängen, was ich vorher nicht wusste.

Häufig werden genau die Wörter, die aus meinem hook book sind, angezweifelt, auch von Muttersprachlern.“

 

hook book

Ein solches hook book kann man grob als Notizbuch übersetzen. In diesem werden von Brigitte Brath Wörter gesammelt, an die man am Anfang (front hook) oder am Ende eines Wortes (back hook) einen Buchstaben anhängen kann. Durch diese ‚Anhängsel‘ entsteht ein neues Wort.

Ein deutsches Beispiel wäre:

TURM + front hook S = STURM

 

Und natürlich gibt es immer noch ganz persönliche Kniffe und Tricks, die nur für einen selbst in Form von kleinen Eselsbrücken funktionieren. Als übergreifende Strategien sind Merksätze jedoch für jeden von Vorteil.

„Nimmt man kleine Merksätze bzw. Eselsbrücken, sind davon ja schon welche in Umlauf. Aber ich erfinde auch meine eigenen, zum Beispiel was geht vor AKA – das sind HKTW – das merke ich mir mit Hochschule Künzelsau (Fakultät) Technik und Wirtschaft. Da arbeite ich, also ist es so für mich leicht, mir die Buchstaben zu merken. Oder das Bingo OUAKARI – ow u a curry – das habe ich von Freundinnen aus Israel und konnte es mir gleich merken. Das ist speziell und geht natürlich nicht für endlos viele Wörter.“

Scrabble-Spieler werden oft gefragt, ob sie ein Lieblingswort haben oder eines, das sie wegen seinem Klang oder seiner Skurrilität besonders schätzen. Einen persönlichen Favoriten hat Brigitte Brath zwar nicht, meint aber:

„Es sind tatsächlich eher solche Wörter, die ich witzig finde. Zum Beispiel war eines der ersten, die ich gelernt habe der Vowel Dump EUOI = either u or I. Das wurde gleich als Merksatz mitgeliefert. Das mag ich bis heute.“

 

Vowel Dump = Vokal-Entsorgung:

Dies betrifft Wörter, bei denen man viele Vokale los werden kann.

 

Die Vorbereitungen für das nächste Turnier

Das nächste Turnier stand auch schon in den Startlöchern. Im Anschluss besuchte Brigitte Brath die 6. Israeli Open in Tiberias. Für sie wurde hier erneut bewiesen, dass Scrabble einen näher an andere Menschen und Länder heran bringt.

„Nach den Israeli Open bleibe ich im Februar noch ein bisschen länger. Ich folge der Einladung einer Freundin. Ohne Scrabble wäre diese Freundschaft nicht entstanden bzw. wir hätten uns gar nicht erst kennengelernt.“

Im Gegensatz zu so manch anderem Scrabble-Spieler sitzt sie vor einem Turnier nicht wochenlang am Lernen. Für Brigitte Brath geht es dabei mehr um das Spiel an sich und die Atmosphäre bei solchen Veranstaltungen. Nichtsdestotrotz ist ein gewisses Maß an Vorbereitung schon nötig.

„Wenn ich höre, wie viel Zeit manche investieren, bekomme ich immer ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Ich mache mir kurz vorher immer mal so kleine Rätsel, um meine hooks zu wiederholen. Und ich aktualisiere mein hook book – dabei gehe ich die diversen Notizzettel durch, die ich angesammelt habe und übertrage die neuen hooks. System hat das leider keins. Dabei predige ich meinen Studierenden natürlich immer, dass die regelmäßige Wiederholung der Vokabeln der Schlüssel zum Behalten ist…“

Wir wünschen Brigitte Brath viel Glück bei den weiteren Turnieren und danken ihr für das Interview. Es zeigt, dass Scrabble nicht nur ein sehr anspruchsvolles Spiel ist, sondern auch die verschiedensten Menschen von überall her zusammen bringen kann.

 

Habt ihr einen Lieblingsspieler, den ihr einmal gerne interviewt sehen möchtet oder wollt ihr vielleicht selbst eure Turniererfahrung mit uns teilen? Dann schreibt uns dies in den Kommentaren.

Bildquellen

  • Brigitte Brath beim Israeli Open 2014: © Tassos Panajotidis
  • Vom lokalen Tennisclub direkt nach Wimbledon: Photo by KTC (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Young_Boris_Becker_Kitzb%C3%BChel.jpg) under CC-BY-SA-3.0; rearranged by Thomas Münse (webgilde)